Manchmal entdeckt man Sehenswürdigkeiten genau dort, wo man sie überhaupt nicht erwartet.
Der Wasserturm in der Weseler Innenstadt ist zwar ein bekanntes Wahrzeichen der Stadt, mir war er bis vor Kurzem allerdings völlig unbekannt. Zum ersten Mal gehört habe ich von ihm beim diesjährigen Guten Morgen Festival der GLS Bank in Bochum. Dort wurde der Wasserturm an einem Stand als Beispiel für das Förderprogramm „Dritte Orte – Häuser für Kultur und Begegnung“ des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen vorgestellt.
Das machte mich neugierig. Also nahm ich mir vor: Wenn ich das nächste Mal in Wesel bin, schaue ich mir diesen ungewöhnlichen Ort einmal selbst an.
Ein etwas ungewöhnlicher erster Besuch
Gesagt, getan.
Allerdings hätte mein erster Besuch fast mit einem Rundgang um den Wasserturm geendet.
Ich fand den Eingang zunächst nicht und lief deshalb erst einmal durch die engen Straßen rund um das Gebäude. Irgendwie kam mir die Stelle des Zugangs sehr verdächtig bekannt vor – und ich stellte fest, dass ich den Turm ziemlich genau einmal umrundet hatte.
Nun gut. So hatte ich zumindest schon einmal einen guten ersten Eindruck von dem markanten Bauwerk gewonnen.
Beim zweiten Anlauf entdeckte ich dann auch den Eingang. Und der war ausgesprochen einladend.
Ich wurde freundlich begrüßt und direkt eingeladen, mir die aktuelle Fotoausstellung anzusehen und anschließend auf eigene Faust bis zur Aussichtsplattform auf der Turmspitze hinaufzusteigen. Außerdem bekam ich vom freundlichen „Turmwächter“ 😉 noch eine kurze Einführung in die Geschichte des Gebäudes.
Mehr als nur ein Wasserturm
Was den Weseler Wasserturm heute besonders interessant macht, ist allerdings nicht allein seine Architektur oder die Aussicht.
Seit April 2024 ist er ein „Dritter Ort“.
Der Begriff klingt zunächst etwas abstrakt. Gemeint sind damit Räume, die neben den klassischen Lebensorten Zuhause und Arbeitsplatz entstehen. Sie sollen offen sein für Begegnung, Kultur, Bildung und Austausch.
Ein wichtiger Gedanke dabei: In einem solchen Dritten Ort soll es keinen Konsumzwang geben. Man muss also nicht erst etwas kaufen, um sich dort aufhalten zu dürfen – anders als beispielsweise im Café oder Restaurant.
Im Wasserturm wird dieses Konzept ziemlich vielfältig mit Leben gefüllt. Angeboten werden unter anderem Kreativtreffs, Smartphone-Kurse, Vorträge zu Gesundheitsthemen, Mitbring-Frühstücke, Lesungen und Musikveranstaltungen.
Ich finde das Konzept tatsächlich ziemlich spannend. Gerade in einer Zeit, in der viele Begegnungen zunehmend digital stattfinden, braucht es Orte, an denen Menschen einfach zusammenkommen, sich austauschen und gemeinsam etwas erleben können.
Und ein ehemaliger Wasserturm ist dafür natürlich eine ziemlich ungewöhnliche Kulisse.
Zwei Türme in einem
Auch architektonisch lohnt sich der Besuch.
Denn genau genommen besteht der Weseler Wasserturm aus zwei Türmen.
Der ursprüngliche, konisch zulaufende Turm wurde bereits 1886 errichtet. Rund 50 Jahre später erhielt er eine zusätzliche Außenummantelung. Aus dem ursprünglichen konischen Bau wurde dadurch äußerlich der heute prägende zylindrische Turm.
Warum man diesen ungewöhnlichen Umbau vorgenommen hat, ist nicht endgültig geklärt. Eine interessante Theorie sieht einen Zusammenhang mit dem zunehmenden Einfluss des Bauhaus und der modernen Architektur in den 1920er Jahren. Möglicherweise erschien der ursprüngliche Turm inzwischen zu altmodisch und sollte optisch an die neue Zeit angepasst werden.
So entstand ein durchaus ungewöhnliches Ergebnis: Ein historischer Wasserturm steckt gewissermaßen in einem jüngeren Wasserturm.
1.000 Kubikmeter Wasser im Turm
Auch im Inneren verbirgt sich eine interessante technische Geschichte.
Der ursprüngliche Turm besaß zunächst einen Wasserbehälter mit einem Fassungsvermögen von 600 Kubikmetern. Im Jahr 1923 wurde zusätzlich ein weiterer Behälter mit 400 Kubikmetern Fassungsvermögen eingebaut.
Damit konnte der Wasserturm schließlich insgesamt 1.000 Kubikmeter Wasser speichern.
Die eigentliche technische Funktion hat er allerdings längst verloren. 1979 wurde der Wasserturm außer Betrieb genommen. Seit 1987 steht er als technisches Denkmal unter Schutz.
Statt Wasser wird heute also vor allem Kultur nach oben transportiert.
42 Meter über Wesel
Der eigentliche Höhepunkt des Besuchs liegt natürlich ganz oben.
Bis zur Aussichtsplattform sind es rund 42 Meter. Der Aufstieg lohnt sich, denn oben wartet eine hervorragende Panoramaaussicht über Wesel.
Von hier bekommt man einen ganz anderen Eindruck von der Stadt. Die Perspektive reicht weit über die unmittelbare Umgebung hinaus und macht deutlich, wie stark Wesel von den weiten Landschaften des Niederrheins geprägt ist.
Nach dem Rundgang durch die Ausstellung und dem Aufstieg zur Aussichtsplattform war für mich jedenfalls klar: Der kleine Umweg zum Wasserturm hat sich gelohnt.
Vom technischen Denkmal zum Dritten Ort
Die Geschichte des Wasserturms ist damit auch ein schönes Beispiel dafür, wie sich die Bedeutung eines Gebäudes im Laufe der Zeit verändern kann.
1886 als Teil der Wasserversorgung errichtet, 1979 außer Betrieb genommen, 1987 zum technischen Denkmal erklärt und seit den 1990er Jahren immer wieder für Kunstausstellungen genutzt, hat der Turm inzwischen eine ganz neue Funktion bekommen.
Seit April 2024 ist er ein Dritter Ort.
Und vielleicht ist genau das die interessanteste Geschichte dieses Wasserturms: Er wurde nicht einfach zu einem Museum gemacht, das man sich einmal anschaut und anschließend wieder verlässt. Stattdessen ist hier ein lebendiger Ort entstanden, an dem Kultur, Bildung und Begegnung stattfinden.
Mein Fazit
Ich wäre wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, den Wasserturm Wesel gezielt zu besuchen, wenn ich nicht zufällig beim Guten Morgen Festival in Bochum von ihm erfahren hätte.
Umso schöner, dass aus diesem kleinen Hinweis tatsächlich ein Besuch geworden ist.
Wer in Wesel unterwegs ist, sollte sich den Wasserturm deshalb ruhig einmal anschauen. Die Kombination aus ungewöhnlicher Architektur, technischer Geschichte, Kunstausstellungen, dem Konzept des Dritten Ortes und vor allem der Aussicht macht den Besuch zu einem lohnenswerten kleinen Ausflug.
Und falls ihr den Eingang nicht sofort findet: Macht euch nichts daraus. Einmal um den Turm herumzugehen, ist ohnehin eine gute Möglichkeit, ihn zunächst von außen kennenzulernen. 😉







