Den Urban.Trail in Essen bin ich Ende August 2026 gelaufen. Zu diesem Zeitpunkt gab es auf der Webseite von RVR/RuhrTourismus noch keine ausführliche Beschreibung der Tour, und auch eine Markierung der Strecke war noch nicht vorhanden. Allerdings war der Trail bereits in der Online-Karte eingezeichnet. Den dazugehörigen GPS-Track habe ich mir von Komoot heruntergeladen und auf mein Wander-GPS übertragen – damit war die Orientierung unterwegs problemlos möglich.
Der Track weist eine Länge von 12,4 Kilometern aus. Dabei sind rund 120 Höhenmeter im Aufstieg und 155 Höhenmeter im Abstieg zu bewältigen. Anders als bei einigen anderen Urban Trails handelt es sich wieder um eine Streckenwanderung: Start und Ziel liegen also nicht am selben Ort. Praktischerweise beginnt die Tour am Essener Hauptbahnhof und endet am Bahnhof Essen-Hügel am Baldeneysee. Beide Punkte sind über die S-Bahn miteinander verbunden, sodass man nach der Wanderung problemlos wieder zum Ausgangspunkt zurückkommt.
Ich bin die Strecke vom Essener Hauptbahnhof in Richtung Baldeneysee gelaufen – und schon der Startpunkt ist ziemlich typisch für das Ruhrgebiet.
Vom Bergarbeiterdenkmal ins grüne Essen
Los geht es an einem geradezu ikonischen Ort im Essener Zentrum: Genau hier taucht die A40, eine der Lebensadern des Ruhrgebiets, in den Essener Tunnel ein. Direkt daneben steht das eindrucksvolle Bergarbeiterdenkmal „Steile Lagerung“ von Max Kratz. Der Bronzeguss zeigt Bergleute bei der schweren Arbeit im Flöz – Hammer und Pickel inklusive.
Von hier führt der Trail in Richtung Opernplatz und zum Aalto-Theater. Dabei passieren wir auch den Evonik-Tower, den man fast übersehen könnte, weil man so nah dran ist. Mit seinen 127 Metern ist er das höchste Gebäude des Ruhrgebiets. Seit seiner Fertigstellung 1996 hat der markante Büroturm allerdings bereits mehrere Namen getragen – je nachdem, welcher Hauptmieter gerade das Sagen hatte.
Am Aalto-Theater erreichen wir bereits die erste grüne Überraschung der Tour: den Essener Stadtgarten, dessen Geschichte bis ins Jahr 1859 zurückreicht. Zwischen Aalto-Theater und Philharmonie geht es durch die weitläufige Parkanlage zum Stadtgartenteich. Natürlich darf auch hier eine Fontäne nicht fehlen. Zwischen den alten Bäumen und Grünflächen entdecken wir immer wieder Skulpturen, die sich fast selbstverständlich in die Parklandschaft einfügen.
Am anderen Ende verlassen wir den Stadtgarten und folgen zunächst ein Stück der Hohenzollernstraße, bevor wir erstmals auf die Rüttenscheider Straße treffen.
Rüttenscheid: Großstadt, Gastronomie und ein bisschen Verkehrspolitik
Hinter dem Glückaufhaus geht es wieder ins Grüne – zumindest angedeutet für ein kurzes Stück. Über einen Minipark und eine Fußgängerbrücke gelangen wir zum Museum Folkwang. Wer etwas Zeit mitbringt, sollte einen Abstecher einplanen: Der Eintritt in die ständige Sammlung ist sogar kostenlos.
Der eigentliche Trail führt allerdings am Museum vorbei und über die Kahrstraße bald wieder auf Essens bekannte Ausgehmeile: die Rü, wie die Rüttenscheider Straße von den Einheimischen genannt wird.
Hier lässt sich durchaus beobachten, wie schwierig sich eine Verkehrswende in einer Großstadt gestalten kann. Zwar wurde ein Teil der Straße als Fahrradstraße ausgewiesen, trotzdem dominieren weiterhin Autos das Straßenbild. Fahrende und parkende Fahrzeuge beanspruchen einen erheblichen Teil des öffentlichen Raums. Dabei wäre das Potenzial dieser Straße enorm: Cafés, Restaurants und kleine Geschäfte reihen sich dicht aneinander. Mit mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer könnte die Rü vermutlich noch wesentlich stärker von ihrer urbanen Atmosphäre profitieren.
Wir laufen mitten durch dieses quirlige Treiben und biegen nach der U-Bahnhaltestelle Martinstrasse wieder ab. Schon wenige Meter später wird es deutlich ruhiger.
Ein alter Friedhof mitten im Viertel
Der kleine Christinenpark wurde ursprünglich als Friedhof angelegt. Im Jahr 1880 entstand hier der Alte Friedhof Rüttenscheid. Noch heute erinnern einige erhaltene Grabmäler an diese frühere Nutzung.
Inzwischen ist daraus ein kleiner grüner Treffpunkt mit Spielplatz und Biergärten der umliegenden Gastronomie geworden. Ein ziemlich bemerkenswerter Wandel – vom Friedhof zum beliebten Aufenthaltsort mitten im Stadtviertel.
Am Ausgang des Parks wartet noch ein kleiner Street-Art-Stopp: die Hall of Fame Villa Rü. Hier gibt es zahlreiche Graffiti zu entdecken, wobei die Qualität der Werke durchaus unterschiedlich ist. Mit viel Glück findet man aber auch interessante Arbeiten.
Danach führt uns der Trail noch einmal auf die Rüttenscheider Straße, allerdings nur für ein kurzes Stück, bevor wir über die Wegenerstraße weiterziehen.
Street Art und der Abschied von der Großstadt
An der stark befahrenen Alfredstraße wartet mit „Ever Green“ ein echter Hingucker. Das rund 800 Quadratmeter große Mural entstand anlässlich der Grünen Hauptstadt Europas 2017. Gabor Doleviczenyi schuf das Werk gemeinsam mit acht weiteren Künstlern und verwendete dafür rund 1.400 Spraydosen.
Direkt daneben fällt eine ungewöhnliche Fußgängerbrücke auf. Sie hat zwar schon deutlich bessere Zeiten gesehen, erfüllt aber weiterhin ihren Zweck und bringt uns sicher über die Alfredstraße.
Und genau hier verändert sich der Charakter der Wanderung spürbar. Die extrem urbane Umgebung bleibt hinter uns. Statt dicht bebauter Straßen erwarten uns nun Altbauten, kleine Grünflächen und schließlich der Zugang zum Grugapark.
Am Nebeneingang an der Orangerie gehen wir jedoch nicht in den Park, sondern wechseln wir auf eine Fahrradtrasse. Hier ist allerdings Vorsicht geboten: Die Strecke wird von Radfahrern intensiv genutzt, daher sollte man möglichst am Rand laufen.
Nach etwa 200 Metern gibt es auf der linken Seite etwas Besonderes zu entdecken – zumindest, wenn man zwischen den Bäumen hindurchschaut.
Hundertwasser und der Weg zur Margarethenhöhe
Dort steht das Ronald McDonald Haus Essen, das 2005 nach einem der letzten Architekturentwürfe von Friedensreich Hundertwasser eröffnet wurde. Das ungewöhnliche Gebäude ist ein Zuhause auf Zeit für Familien, deren schwer kranke Kinder im benachbarten Universitätsklinikum behandelt werden.
Kurz darauf verlassen wir die Fahrradtrasse und tauchen auf einem ruhigeren Waldweg endgültig in eine deutlich grünere Umgebung ein. Der Weg führt zunächst ins Tal und anschließend wieder ein Stück bergauf.
Dann liegt plötzlich die Margarethenhöhe vor uns.
Die historische Gartenstadt wirkt wie ein kleines eigenes Universum. Die 115 Hektar große Siedlung wird von der Margarethe Krupp-Stiftung verwaltet und gilt als bedeutendes Beispiel für menschenfreundlichen Wohnungsbau. Insgesamt entstanden hier 935 Gebäude mit 3.092 Wohneinheiten.
Besonders schön ist der Kleine Markt mit seinem Gasthaus und den umliegenden historischen Häusern. Die romantischen Straßennamen und liebevoll gestalteten Fassaden vermitteln tatsächlich das Gefühl, ein Stück weit durch eine andere Zeit zu laufen.
Nur die modernen Autos passen nicht ganz ins Bild. Sie stehen heute in fast jeder Straße und beanspruchen mit ihrem enormen Platzbedarf einen erheblichen Teil der historischen Idylle.
Der Trail führt geschickt durch die Gartenstadt und anschließend wieder in ein kleines Waldgebiet. Schon am Eingang weist ein großer, aufgemalter Wegweiser auf unser nächstes Ziel hin.
Ein Hammer aus dem Siegerland mitten im Essener Wald
Nach kurzer Zeit erreichen wir den Halbachhammer.
Dabei handelt es sich um eine sogenannte Hammerhütte. Hier wurden auf der Grundlage von Wasserkraft und Holzkohle verschiedene Arbeitsschritte der Eisenverarbeitung unter einem Dach miteinander verbunden. Ursprünglich stand die Anlage rund 500 Jahre lang im Siegerland. Um 1900 wurde sie dort stillgelegt und in den 1930er-Jahren nach Essen umgesetzt.
Gelegentlich finden hier noch Schmiedevorführungen statt – ein durchaus ungewöhnlicher Ort, den man mitten auf dieser Wanderung wahrscheinlich nicht erwarten würde.
Wir wandern anschließend weiter durch den Wald und verlassen diesen fast auf Höhe der A52 wieder.
Wenn Verkehrspolitik auf Realität trifft
Beim Überqueren der Norbertstraße wartet dann ein weniger erfreulicher Anblick: ein sehr schmaler Radstreifen entlang einer Straße, die eher wie eine Autobahn wirkt – und auch entsprechend stark befahren wird.
Wer hier mit dem Fahrrad unterwegs ist, braucht zumindest eine gewisse Portion Mut und Gottvertrauen. Für eine wirklich angenehme und sichere Radinfrastruktur sieht das anders aus.
Wir überqueren anschließend auch die A52 und sehen auf der rechten Seite einen riesigen Bürokomplex: die ehemalige Konzernzentrale von Karstadt. Die wechselvolle Geschichte des Kaufhauskonzerns hat inzwischen auch hier ihre Spuren hinterlassen. Das Gebäude wird heute von anderen Nutzern verwendet; der Nachfolger Galeria hat seinen Sitz mittlerweile in Düsseldorf.
Danach wird es wieder ruhiger.
Vom Kruppwald zum Baldeneysee
Wir biegen in eine ruhige Wohnstraße ein und merken schnell, dass wir inzwischen in einer der eher wohlhabenden Gegenden Essens angekommen sind. Die Häuser werden größer, die Grundstücke weitläufiger, die Einfahrten repräsentativer und auch die Autos passen zum Umfeld.
Immer wieder lassen sich dabei kleine Kunstwerke und ungewöhnliche Details in den Vorgärten entdecken.
An einem markanten Kriegerdenkmal treffen wir erneut auf die Alfredstraße. Hier wirkt sie bereits deutlich ruhiger als zuvor in Rüttenscheid. Nach einem kurzen Stück biegen wir in den Hügelweg ein.
Dabei passieren wir das Markuskreuz – für mich persönlich ein besonders interessanter Punkt der Strecke.
Je weiter wir dem Hügelweg folgen, desto deutlicher wird der Charakter der Umgebung. Die Häuser werden zunehmend großzügiger und schließlich führt der Weg wieder in den Kruppwald.
Und dann gibt es einen kurzen Fernblick auf das größte Einfamilienhaus dieser Wanderung: die Villa Hügel, den ehemaligen palastartig gestalteten Wohnsitz der Familie Krupp.
Der Trail führt nun bergab in Richtung Baldeneysee. Nach kurzer Zeit erreichen wir den Bahnhof Essen-Hügel und damit das offizielle Ende des Urban Trails.
Wer noch Zeit und Lust hat, sollte die Wanderung hier allerdings nicht unbedingt beenden. Folgt man der Straße weiter, erreicht man einen Eingang zur Villa Hügel und ihrem weitläufigen Park. Noch schöner wäre es aus meiner Sicht sogar, die Tour leicht abzuwandeln und direkt den oberen Haupteingang zu nutzen und dann durch den Hügel Park herunter zum Baldeneysee bzw. S-Bahnhaltestelle.
Für den Besuch der Villa Hügel wird Eintritt verlangt – dafür bekommt man allerdings noch einmal ein ganz anderes Kapitel Essener Stadt- und Industriegeschichte geboten.
Fazit
Der Urban Trail Essen hat mich vor allem durch seine enorme Vielfalt überrascht. Innerhalb von gut zwölf Kilometern verändert sich die Umgebung mehrfach grundlegend: vom dichten Stadtzentrum über Rüttenscheid, Parks und Street Art geht es durch die Gartenstadt Margarethenhöhe, Wälder und historische Metallverarbeitungsstätten bis in die vornehmen Wohnlagen rund um den Kruppwald und schließlich an den Baldeneysee.
Besonders spannend fand ich, wie deutlich sich dabei unterschiedliche Facetten Essens beobachten lassen. Hier die dicht bebaute Großstadt mit Verkehr und urbanem Leben, dort plötzlich Wald, historische Siedlungen und fast ländlich wirkende Wege.
Und genau dieser Wechsel macht für mich den Reiz der Urban Trails aus: Man bleibt zwar immer in der Stadt, bekommt aber trotzdem das Gefühl, auf einer kleinen Entdeckungsreise unterwegs zu sein.
Für mich ist der Urban Trail Essen daher eine sehr abwechslungsreiche und empfehlenswerte Tour, insbesondere für alle, die Essen einmal abseits der bekannten Industriekultur neu entdecken möchten.


































































