Urban Trail Gelsenkirchen – von der Zeche durch Industrienatur und Ückendorf

Der Urban Trail Gelsenkirchen ist wieder eine Punkt-zu-Punkt-Wanderung. Start und Ziel liegen also nicht am selben Ort. Das ist aber überhaupt kein Problem, denn beide Endpunkte sind gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Wer mit dem Auto anreist, kann dadurch ebenfalls relativ unkompliziert wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Bei meiner Wanderung Anfang Juni 2026 waren die gelben Markierungen allerdings noch gar nicht vorhanden. Ich habe deshalb den auf der Webseite angebotenen GPS-Track auf meinem Wander-GPS verwendet. Für meine Tour war das die richtige Entscheidung – und solange die Beschilderung noch nicht vollständig ist, würde ich das auch anderen Nachwanderern empfehlen.

Schon am Anfang: Zeche und Sport

Der Startpunkt lässt sich mit der Straßenbahn gut erreichen. Von Bochum beziehungsweise Gelsenkirchen führt die Linie 302 in Richtung Lohrheidestraße.

Von der Haltestelle geht es zunächst über einen schmalen Fuß- und Radweg. Schon nach wenigen Minuten taucht das erste Relikt der industriellen Vergangenheit auf: das eindrucksvolle Fördergerüst der ehemaligen Zeche Holland.

Zeche Holland
Zeche Holland

Viel Zeit zum Einlaufen bleibt allerdings nicht, denn schon bald geht es weiter durch einen schmalen Grünstreifen zum Lohrheidestadion. Das Stadion ist ein bedeutendes Leichtathletikzentrum und damit ein ziemlich interessanter Kontrast zum gerade passierten Fördergerüst.

Grüne Wege führen zur Halde
Grüne Wege führen zur Halde

Zeche und Leistungssport – zwei Dinge, die man auf einer Gelsenkirchener Wanderung vielleicht nicht unbedingt direkt hintereinander erwartet.

Und dann ist sie auch schon zu sehen: die Halde Rheinelbe.

Halde Rheinelbe - Himmelstreppe
Halde Rheinelbe – Himmelstreppe

Auf zur Himmelstreppe

Die Halde Rheinelbe gehört zu den Orten, die man im Ruhrgebiet einfach einmal selbst erlebt haben sollte. Der Aufstieg ist gut machbar, und während man langsam an Höhe gewinnt, verändert sich die Umgebung zunehmend.

Halde Rheinelbe - Himmelstreppe - Detail
Die Steinblöcke auf Rheinelbe

Oben angekommen wartet das eigentliche Highlight: die Himmelstreppe von Herman Prigann. Die 1999 entstandene Landmarke besteht aus großen Betonquadern und greift damit unmittelbar die industrielle Vergangenheit des Ortes auf.

Natürlich führt der Urban Trail bis nach oben – und natürlich sollte man auch die letzten Stufen bis zur eigentlichen Skulptur hinaufsteigen.

Der zusätzliche kleine Aufstieg lohnt sich gleich doppelt: Zum einen steht man unmittelbar vor diesem ungewöhnlichen Kunstwerk, zum anderen öffnet sich von hier ein beeindruckendes Panorama über das Ruhrgebiet.

Und genau hier wird wieder einmal ein altes Ruhrgebiets-Klischee eindrucksvoll widerlegt.

Von oben sieht man nämlich erstaunlich viel Grün. Wälder, Parks, Kleingärten und andere Freiflächen ziehen sich zwischen den dicht bebauten Stadtteilen hindurch. Wer immer noch das Bild vom ausschließlich grauen, qualmenden Ruhrgebiet im Kopf hat, bekommt hier ziemlich eindrucksvoll gezeigt, dass dieses Bild längst überholt ist.

Die Halde Rheinelbe selbst ist dabei ein schönes Beispiel für den Wandel des Reviers: Aus einer industriell geprägten Fläche ist eine Landschaft geworden, in der sich Natur und Kunst miteinander verbinden.

Durch den Skulpturenwald

Der Abstieg führt zunächst durch den bewaldeten Bereich am Fuß der Halde. Und auch hier ist die Wanderung noch weit davon entfernt, wie eine klassische Stadtwanderung zu wirken.

Im Skulpturenwald Rheinelbe verstecken sich zwischen Bäumen und Wegen zahlreiche Arbeiten von Herman Prigann. Alte Beton- und Stahlteile, Baumstämme und andere Materialien wurden hier zu Kunstwerken, die teilweise fast so wirken, als seien sie einfach aus der Landschaft herausgewachsen.

Das Spannende daran: Man läuft nicht durch einen klassischen Skulpturenpark, in dem die Kunstwerke sauber auf einer Wiese nebeneinander aufgestellt sind. Stattdessen muss man aufmerksam sein. Manchmal taucht zwischen den Bäumen plötzlich ein ungewöhnliches Objekt auf.

Damit bleibt auch nach dem Abstieg von der Halde der Eindruck erhalten, mitten in einer Mischung aus Wald, Industriebrachen und Kunst unterwegs zu sein.

Eine überraschende Begegnung im Wald

Unten angekommen, überquere ich zunächst die Fahrradtrasse. Nebenbei bemerkt: Diese Strecke führt von hier aus erstaunlich weitgehend autofrei in Richtung Zeche Zollverein – für Radfahrer also durchaus eine interessante Verbindung.

Der Urban Trail bleibt jedoch zunächst in der Natur.

Durch ein kleines Waldgebiet geht es weiter, und hier wartet für mich eine der überraschendsten Entdeckungen der Tour: die Forststation Rheinelbe.

Sie befindet sich in einem ehemaligen Zechengebäude beziehungsweise einer früheren Umspannstation und passt damit wunderbar in die Geschichte dieses Ortes. Aus einem technischen Relikt der Industriezeit ist ein Ort geworden, der sich heute mit Wald, Natur und Landschaft beschäftigt.

Genau solche Übergänge machen für mich den Reiz der Urban Trails aus.

Langsam wird es städtisch

Nach einer weiteren Querung der Fahrradtrasse verändert sich die Umgebung allmählich. Wir verlassen die größeren Grünbereiche und bewegen uns nun immer stärker durch das Stadtgebiet.

Zunächst fallen die teilweise sehr schönen Altbauten auf. Einige Fassaden sind ausgesprochen kunstvoll gestaltet und erinnern an die Gründerzeit, als das Ruhrgebiet durch den rasanten Ausbau von Bergbau und Industrie stark wuchs.

Dann treffen wir auf eine größere Verkehrsstraße – und spätestens jetzt ist klar: Der grüne Teil der Wanderung liegt hinter uns.

Rechts neben einem Lidl-Markt fällt ein großes Mural ins Auge. Es handelt sich hierbei um den „Schmetterlingsjäger“ von Case Maclaim. Auch nach dem „Kreuzen“ der Radtrasse befindet sich links in der Seitenstraße (Bühlweg) ein eindrucksvolles Mural von Nina Valkhoff lohnt sich ein Blick: Dort versteckt sich ein weiteres, eindrucksvolles Wandbild mit Waldmotiv.

Ausschnitt des Mural Schmetterlingsfänger 4.0
Schmetterlingsfänger 4.0 von Case Maclaim

Man sollte bei dieser Wanderung ohnehin ein wenig Zeit für solche Entdeckungen einplanen. Die Route ist nicht nur eine Wanderung von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, sondern führt mitten durch den Stadtteil und damit auch an vielen kleineren Kunstwerken vorbei.

Auch die weniger schönen Seiten gehören dazu

Die nächsten Meter sind dann allerdings weniger spektakulär.

Man kommt durch Bereiche, in denen leerstehende oder verfallende Häuser das Bild bestimmen. Gerade das empfinde ich aber nicht unbedingt als Nachteil. Schließlich gehört auch das zur Realität des Ruhrgebiets.

Urban Trails sollen für mich nicht nur die herausgeputzten Vorzeigeorte zeigen. Interessant wird es gerade dann, wenn man auch die Übergänge und Brüche einer Stadt erlebt.

Und dann kommt wieder etwas, das wahrscheinlich kaum irgendwo so typisch ist wie im Ruhrgebiet: ein kleiner Kiosk.

Ruhrpott-Bude
Ruhrpott-Bude

Vielleicht wäre jetzt eine gemischte Tüte genau das Richtige?

Plötzlich scheint die Zeit stehen geblieben zu sein

Nach dem Kiosk biegt die Route wieder in einen Park ab – und wenig später stehe ich plötzlich der ausgesprochen pittoresken alten Zechenkolonie Flöz Dickebank.

Siedlung Flöz Dickebank
Die Siedlung Flöz Dickebank

Die kleinen Häuser und ihre Anordnung vermitteln einen sehr guten Eindruck davon, wie die Wohnwelt im historischen Ruhrgebiet ausgesehen hat.

Mit etwas Fantasie und ohne die modernen Autos könnte man hier tatsächlich meinen, die Zeit sei ein gutes Stück zurückgedreht worden.

Und genau diese Kontraste machen den Trail interessant: Vor wenigen Minuten noch Leerstände und Stadtverkehr, dann wieder Park und historische Siedlung.

Ückendorf verändert sich

An der nächsten größeren Straße wartet bereits das nächste große Wandbild. Ein haushohes Mural gesponsort von Viva con Agua ARTS setzt einen weiteren farbigen Akzent.

Mural von Lidia Cao
Mural von Lidia Cao

Von hier geht es weiter durch Ückendorf.

Und hier verändert sich die Atmosphäre erneut. Das Viertel wirkt zunehmend lebendiger und kreativer. Alternative Läden, kleine Cafés und Street Art prägen das Straßenbild.

Fassadenkunst
Hier: Fassadenkunst

Man merkt, dass sich dieser Teil Gelsenkirchens verändert. Die Spuren der alten Industriestadt sind weiterhin überall sichtbar, gleichzeitig entsteht aber eine neue, kreative Stadtkultur.

Paste-ups
Paste-ups

Genau diese Mischung gefällt mir.

Vom Kreativviertel zum Wissenschaftspark

Schließlich erreicht der Urban Trail die parkähnliche Umgebung des Wissenschaftsparks Gelsenkirchen.

Der Wissenschaftspark Gelsenkirchen steht sinnbildlich für einen anderen Teil der Geschichte des Ruhrgebiets: Hier geht es nicht mehr um Kohle und Stahl, sondern um Wissen, Innovation und Zukunft.

Wissenschaftspark Gelsenkirchen
Wissenschaftspark Gelsenkirchen

Damit schließt sich für mich ein schöner Kreis. Die Wanderung begann mit einem alten Fördergerüst und Industrienatur und führt nun zu einem Ort, der für den Strukturwandel und die Zukunft des Ruhrgebiets steht.

Durch die Innenstadt zum Ziel

Von hier geht es weiter Richtung Gelsenkirchener Hauptbahnhof.

Eine besonders interessante Passage ist eine künstlerisch gestaltete Unterführung unter den Bahngleisen. Statt einer langweiligen Unterführung wartet hier noch einmal Urban Art auf die Wanderer.

Danach wird es endgültig städtisch.

Postamt
Postamt – Baukunst

Durch die Fußgängerzone geht es in Richtung Innenstadt. Auch hier lohnt sich weiterhin der Blick nach links und rechts. Zwischen den großen Straßen und Häusern finden sich immer wieder kleinere Kunstwerke und interessante architektonische Details.

Kunst in der Fußgängerzone GE
Kunst in der Fußgängerzone Gelsenkirchen

Schließlich ist das Ziel erreicht: das Musiktheater im Revier, kurz MiR.

Und auch hier zeigt sich noch einmal, dass Gelsenkirchen weit mehr zu bieten hat als seine klassische Bergbaugeschichte.

Hans-Sachs-Haus
Das Hans-Sachs-Haus

Direkt am Ziel befindet sich eine Haltestelle. Von dort kommt man problemlos wieder zum Gelsenkirchener Hauptbahnhof und damit auch zurück zum Ausgangspunkt beziehungsweise zu weiteren Bahnverbindungen.

Mein Fazit: Genau das ist für mich Ruhrgebiet

Auch dieser Urban Trail hat mir richtig Spaß gemacht.

Was mir besonders gefallen hat, ist die deutliche Zweiteilung der Strecke.

Am Anfang wandert man überraschend viel durch Grün: Halde, Wald, Skulpturen, Industrienatur. Dann wird die Umgebung Schritt für Schritt städtischer. Es folgen Wohnviertel, alte Arbeitersiedlungen, Leerstände, Kioske, Street Art, Kreativszene und schließlich die Innenstadt.

Gerade dieser Wandel macht die Tour für mich so interessant.

Das Ruhrgebiet ist eben weder reine Industriekulisse noch idyllische Landschaft. Es ist beides – und meistens liegt beides erstaunlich dicht nebeneinander.

Wer das Ruhrgebiet einmal jenseits der großen Industriedenkmäler erleben möchte, bekommt auf dem Urban Trail Gelsenkirchen eine ziemlich gute Gelegenheit dazu. Zechenrelikte, Industrienatur, Kunst, alte Arbeitersiedlungen, Kiosk-Kultur und ein sich wandelndes Stadtviertel ergeben eine abwechslungsreiche Mischung.

Und spätestens oben auf der Himmelstreppe wird klar: Das Ruhrgebiet ist längst nicht mehr nur grau. Es ist überraschend grün, ziemlich bunt und vor allem ständig im Wandel.

Link: Tourbeschreibung mit GPS-Track und komoot Link bei der RuhrTourismus GmbH.